Schmerzende und blutige Lippen:
Make-up-Hersteller vor Gericht
25.09.2011 - Augsburger Allgemeine
Ein Hersteller preisgekrönter Make-ups steht vor Gericht. Frauen, die eines seiner Produkte verwendeten, haben seither schmerzende und häufig blutende Lippen.Von Peter Richter
„Wir wollten schöner sein.“ Fast im Chor beantworten vier Frauen vor dem Gerichtssaal die naiv scheinende Frage, warum sie sich hatten tätowieren lassen. Im Gesicht. Ein Ausdruck, der in der Kosmetik-Branche freilich verpönt ist. Auch wenn der Farbstoff für dieses Make-up, soll es doch lange halten, wie beim Tätowieren unter die Haut „getackert“ wird.
Long-Time-Liner, ein in München ansässiger, vielfach preisgekrönter Hersteller solchen Make-ups, hatte die Frauen träumen lassen. Verspricht doch die Firmenwerbung: „Ihre Lippen werden immer schön aussehen, egal ob nach dem Essen, beim Sport oder nach einem stürmischen Kuss.“
Die bittere Wahrheit: Seit zwei Jahren ist das Quartett, das sich erst im Augsburger Klinikum kennengelernt hat, wegen schmerzender, häufig blutender Lippen in medizinischer Behandlung. Mit vager Aussicht auf Heilung. „Ich bin überhaupt nicht allergisch“, sagt eine verheiratete 55-Jährige. In einem bekannten Kosmetikstudio der Stadt hatte sich Karin Kratzer ihre Lippen einfärben lassen. Etwa 1000 Euro hatte sie dafür bezahlt. Monate später bildeten sich am Mund große, schmerzhafte Blasen, wie bei Herpes. Zeitweise traute sich Karin Kratzer wegen ihres Aussehens nicht mehr aus dem Haus.
Nicht viel anders ist es anderen Frauen ergangenen, die an diesem Tag im Flur des Augsburger Landgerichts stehen. Brigitte Besserer ist eine von ihnen. Sie hat das Unternehmen, das seit 1987 im In- und Ausland seine Artikel an Kosmetikstudios verkauft, verklagt. Ihre Lippen platzen heute noch auf, bluten, erzählt sie dem Gericht.
Ein fehlerhaftes Produkt? Die Firma bestreitet jegliche Schuld
Marion Zech, ihre Rechtsanwältin, macht der Firma den Vorwurf, ein fehlerhaftes Produkt auf den Markt gebracht zu haben. Das Unternehmen bestreitet jegliche Schuld, spricht von „schicksalhaften“ Fällen. Angesichts zunehmender Allergien in der Bevölkerung, so Firmenanwalt Gerrit Wilmans beim Prozessauftakt, „gibt es immer ein gewisses Risiko, wenn Fremdstoffe in die Haut gelangen.“ Dennoch hat der Hersteller aus Kulanz, wie er sagt, der Klägerin ein Schmerzensgeld von 2000 Euro angeboten. Doch drei der vier Frauen – eine hat sich abfinden lassen – wollen öffentlich reden.
Zumal eine wissenschaftliche Studie den Münchner Hersteller zu widerlegen scheint. Im Fall der Frauen ist eine Farbe verwendet worden, die nachweislich aufgrund eines bestimmten Farbpigments bei Menschen allergische Reaktionen auslösen kann. Zu diesem Ergebnis kommen in einer Studie die Hautkliniken in Augsburg und Regensburg. Dort sind die Frauen in Behandlung. Julia Welzel, Leiterin der Dermatologie am Zentralklinikum in Augsburg, hat die Frauen untersucht. In unteren Hautschichten ihrer Lippen haben sich Knoten um die Fremdstoffe gebildet, gegen die sich ihr Körper durch Abstoßreaktionen wehrt.
Pigment CI 73 360 ist gesundheitsgefährdend
Was nicht weiter verwundert. Das Pigment CI 73 360 ist gesundheitsgefährdend. Das hat das Bundesamt für Risikoforschung herausgefunden. In Deutschland darf es für Tätowierungen nicht mehr verwendet werden. Für Kosmetikerinnen aber, die sonst mehr an der Hautoberfläche arbeiten, gelten andere Vorschriften.
Vielleicht ist dies auch der Grund, warum der verklagte Hersteller die Wirkung der eingesetzten Farben „Fox“ und „Mohn“ nur an der Hautoberfläche hatte testen lassen. Die Firmenwerbung „dermatologisch getestet“ hält Klägeranwältin Marion Zech darum für eine Täuschung der Verbraucher. Das Gericht hat den Parteien eine Frist für eine außergerichtliche Einigung gesetzt. Sonst droht ein jahrelanger Gutachterstreit. Für eine überlastete Justiz keine erfreuliche Aussicht.
Von Peter Richter
Quelle: Augsburger Allgemeine
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