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Überfall im Augsburger Rotlichtmilieu

05.10.2011 - Augsburger Allgemeine

Duftspur des Räubers war auf dem Jutesack

Ein Räuber erbeutet bei einem Überfall auf eine Geldbotin im Augsburger Rotlichtmilieu mehrere Tausend Euro. Bei den Ermittlungen half der Kripo ein speziell ausgebildeter Hund.

Es war ein Überfall wie in einem Tatort-Krimi: Am Abend des 9. September 2010 klingelte die Beauftragte (33) eines Bordellbetreibers an der Türe zum Apartment einer Prostituierten (26) in der Landsberger Straße, um die Tagesmiete von 100 Euro einzutreiben.
 
Es öffnete ein völlig in Schwarz gekleideter, maskierter Mann mit Handschuhen, der die Geldbotin sofort packte, sie gegen die Wand schleuderte, mit Klebeband an Händen und Füßen fesselte, sie knebelte und ihr einen Jutesack über den Kopf stülpte. Dann nahm der Räuber ihr die bereits einkassierten Mieten zahlreicher anderer Prostituierten in Höhe von 3550 Euro ab und flüchtete

Geldbotin gefesselt und einen Kartoffelsack übergestülpt

Die Prostituierte, der der Besuch galt, lag bereits ebenfalls gefesselt und mit einem Kartoffelsack über dem Haupt im Wohnzimmer. Minuten später konnten sich beide befreien.
 
Für die Kripo war schnell klar, dass nur eine der beiden Frauen ein Opfer des maskierten Unbekannten war – die Geldbotin. Die Prostituierte, so die Ermittler, war offenbar Komplizin des Räubers und nur zum Schein gefesselt worden.
 
Der Überfall im Rotlichtmilieu wird derzeit in einem Prozess vor der 3. Strafkammer beim Landgericht unter Vorsitz von Richter Karl-Heinz Haeusler aufgerollt. Auf der Anklagebank sitzen die Dirne und ihr früherer Freund, ein 33-jähriger Türke. Er soll, so ist die Anklage überzeugt, der Maskenmann sein. Eine nicht unerhebliche Rolle in dem Indizienprozess spielt der Jutesack, den der Täter dem Opfer über den Kopf zog.
 
Zum ersten Mal suchten die Ermittler des Augsburger Raub-Kommissariats Hilfe bei einem vierbeinigen „Kollegen“, einem speziell für das sogenannte „Mantrailing“ ausgebildeten Spürhund der Regensburger Polizei.
 
Die Schäferhündin „Anouk“ kann mir ihrer feinen Nase einen Menschen „erschnüffeln“, der zuvor mit einem bestimmten Gegenstand in Berührung gekommen ist und dort seine individuelle Duftspur – die Ausdünstung oder feine Hautpartikel – hinterlassen hat. Zwei Monate nach dem Überfall startete im Wittelsbacher Park das Experiment. Drei Männer – zwei Polizisten in Zivil und der verdächtige Türke – gingen zu Fuß vom Hotelturm etwa 250 Meter weit in einen Hofraum in der Rosenaustraße. Dann hatte Spürhündin „Anouk“ ihren Auftritt.
 
Anouk lief auf den Verdächtigen zu und sprang an ihm hoch

Sie schnüffelte ausgiebig an dem sichergestellten Jutesack und verfolgte dann die Spur der drei Männer. Angekommen in dem Hofraum lief sie geradewegs auf den Verdächtigen zu, sprang an ihm hoch und legte ihm eine Pfote auf die Schulter. Für die Kripo ein eindeutiges Indiz, dass der Verdächtige einmal den Jutesack in Händen gehalten hat.
 
Ob die Richter der 3. Kammer „Anouks“ Nase eine gewisse Beweiskraft einräumen werden, ist offen. Denn die beiden Verteidiger des Angeklagten, Florian Engert und Bernd Scharinger, zweifeln das Experiment an. Sie sind der Ansicht, der bei dem Überfall benutzte Kartoffelsack sei falsch asserviert worden – nicht in einem Glasbehälter, sondern lediglich in einer Papiertüte. Die Duftspur sei deshalb unbrauchbar gewesen.
 
„Das war ganz klar ein abgekartetes Spiel“

Sowohl ihr Mandant als auch die mitangeklagte Prostituierte verweigern im Prozess jede Aussage. Die überfallene Geldbotin hatte während der Ermittlungen den Verdächtigen bei einer Gegenüberstellung nicht identifizieren können. Sie war sich aber sicher gewesen, dass die Prostituierte gemeinsame Sache mit dem Räuber gemacht hatte. „Das war ganz klar ein abgekartetes Spiel“, sagte sie jetzt als Zeugin im Prozess.
 
Da während der ersten beiden Verhandlungstage mehr neue Fragen auftauchten, als alte geklärt wurden, wird die Strafkammer noch zahlreiche weitere Zeugen vernehmen. Der Prozess wird am 12. Oktober, 9 Uhr, fortgesetzt.

Von Peter Richter

 

Quelle: Augsburger Allgemeine